Tradition mit Leidenschaft – Lisbeth Raschle im Porträt

von Alex Martinez

Lisbeth Raschle bei der Arbeit
Foto: René Niederer
Interview: Alex Martinez

Mit viel Leidenschaft, Kreativität und handwerklichem Geschick widmet sich Lisbeth Raschle ihrer Kunst und trägt damit dazu bei, wertvolle Traditionen lebendig zu halten. Im ersten Teil unserer neuen Interview-Serie gibt sie persönliche Einblicke in ihren Werdegang, ihre Inspirationen und die Entstehung ihrer Werke. Erfahren Sie, was sie an ihrem Handwerk begeistert, warum ihr die Weitergabe von Wissen am Herzen liegt und welche Geschichten hinter ihren Arbeiten stecken. Ein authentisches Porträt über die Freude am kreativen Schaffen, gelebte Tradition und die Menschen, die mit ihrem Können das kulturelle Erbe unserer Region bereichern.


Hoi Lisbeth, stell Dich bitte kurz vor.
Ich heisse Lisbeth Raschle, bin mit Christoph verheiratet und wir haben zwei erwachsene Söhne. Familie und Heimat sind für mich sehr wichtig und begleiten mich auch in meiner kreativen Arbeit.

Wo kommst Du her, und wo lebst bzw. arbeitest Du heute?
Aufgewachsen bin ich im Schönengrund. Im Jahr 1998 bin ich nach Urnäsch gezogen, wo ich bis heute lebe und auch mein Atelier habe.

Wie bist Du zu Deiner Kunst oder Deinem Handwerk gekommen?
Nach meiner Zeit als Wirtin, begann ich im WPZ eine Teilzeitstelle, bei der ich unter anderem für die Dekoration zuständig war. Für Silvester kam mir die Idee, kleine Silvesterchläuse als Dekoration zu basteln. Daraus entwickelte sich nach und nach eine grosse Leidenschaft. Seit rund zehn Jahren fertige ich sie mit viel Freude an. Mit jeder Figur sammelte ich neue Erfahrungen – ganz nach dem Motto: Übung macht den Meister. So wurden die Chläuse mit der Zeit immer detailreicher, stabiler und lebendiger.

Welche Tradition oder kulturelle Herkunft steckt hinter Deiner Arbeit?
Die Verbundenheit zum Silvesterchlausen begleitet mich schon lange. Mein Mann Christoph war selber Silvesterchlaus, und auch während meiner Zeit als Wirtin hatte ich einen engen Bezug zu diesem wunderschönen Brauch. Diese Tradition fasziniert mich bis heute und inspiriert meine Arbeit immer wieder aufs Neue.

Von wem oder wo hast Du Dein Wissen und Deine Fähigkeiten gelernt?
Eigentlich habe ich mir alles selbst beigebracht. Mit viel Geduld, Ausprobieren und Freude am Gestalten habe ich meinen eigenen Weg gefunden. Für meine kleinen Chläuse kombiniere ich verschiedene Handwerke wie Nähen, Schnitzen, Malen und Modellieren – genau diese Vielfalt macht die Arbeit für mich so spannend.

Bewahren wir die Freude am Echten. Traditionelles Handwerk verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die Hände der Menschen, die ihr Wissen und ihre Leidenschaft weitergeben.

Lisbeth Raschle

Warum ist es Deiner Meinung nach wichtig, traditionelle Handwerkskunst zu bewahren?
Traditionelle Handwerkskunst ist ein wertvolles Kulturgut. Es wäre schade, wenn altes Wissen und besondere Fertigkeiten verloren gingen. Umso schöner ist es, wenn wir diese Techniken weitergeben und auch die nächste Generation dafür begeistern können.

Wie entsteht ein neues Werk bei Dir – von der ersten Idee bis zum fertigen Ergebnis?

Oft beginnt alles mit Fotos von echten Silvesterchläusen, die ich selbst gemacht habe. So kann ich besondere Details festhalten und mich später daran orientieren. Aus diesen Eindrücken entstehen Schritt für Schritt meine kleinen Chläuse, wobei jede Figur ihren ganz eigenen Charakter erhält.

Mit welchen Materialien arbeitest Du am liebsten und warum?
Da es verschiedene Arten von Silvesterchläusen gibt – Wüeschti, Schö-Wüeschti und Schöni – arbeite ich mit ganz unterschiedlichen Materialien. Für die Wüeschte verwende ich vor allem Naturmaterialien, während die Schönen modelliert werden. Gemeinsam haben jedoch alle Figuren ein Drahtgerüst als Grundlage, auf dem alles aufgebaut wird.

Gibt es Werkzeuge oder Techniken, die für Deine Arbeit besonders typisch sind?
Da ich mit so vielen verschiedenen Materialien arbeite, kommen auch zahlreiche Werkzeuge zum Einsatz. Jede Figur verlangt andere Techniken und Arbeitsschritte, was meine Arbeit abwechslungsreich und spannend macht.

Wie viel Zeit benötigst Du für die Herstellung von einem Chlaus?
Ein Wüeschte Chlaus benötigt etwa 14 Stunden Arbeit. Für einen Schö-Wüeschte brauche ich zwischen 18 und 20 Stunden, und ein Schöner Chlaus kann sogar bis zu 40 Stunden in Anspruch nehmen. Die vielen kleinen Details brauchen Zeit – genau das macht die Figuren aber auch so besonders.

Was macht Dir an Deiner Arbeit am meisten Freude?
Während ich arbeite, höre ich oft Tonaufnahmen vom Chlausen. Das gefällt mir sehr und bringt mich gedanklich direkt in die Welt des Silvesterchlausens. Es inspiriert mich und macht das Arbeiten noch schöner.

Hat sich das Interesse an handgefertigten Arbeiten in den letzten Jahren verändert?
Ja, das empfinde ich so. Seit ich Mitglied im Verein für Handwerk und Kunst vom Appenzellerland bin, interessieren sich immer mehr Menschen für meine Chläuse. Es freut mich sehr zu sehen, dass handgefertigte Arbeiten wieder stärker geschätzt werden.

Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Regionalität in Deiner Arbeit?
Meine Arbeit ist eng mit Urnäsch und dem Silvesterchlausen verbunden. Solange diese wunderbare Tradition weiterlebt, bleibt auch das dazugehörige Handwerk lebendig. Regionalität spielt deshalb für mich eine sehr wichtige Rolle.

Wie nutzt Du digitale Medien oder soziale Netzwerke, um Deine Werke zu präsentieren?
Meine Werke sind auf der Website 9107.ch/silvesterchlaus zu finden. Dort gibt es weitere Informationen, Fotos und Einblicke in meine Arbeit.

Gibt es ein Werk, auf das Du besonders stolz bist? Warum?
Besonders stolz war ich auf meinen ersten schönen Schuppel, den ich nach dem Vorbild des Schuppel meines Mannes gestaltet habe. Ich stellte ihn im Laden meines Nachbarn aus und bereits zwei Tage später war er verkauft. Einerseits war das natürlich eine grosse Freude, andererseits ging es fast etwas zu schnell – manchmal würde ich ihn heute gerne noch einmal anschauen können.

Welche Bedeutung haben Deine Werke für die Menschen, die sie besitzen oder erleben?
Das ist ganz unterschiedlich. Für Menschen, die weggezogen sind, erinnern die Chläuse oft an ihre Heimat und schöne Erinnerungen. Wer einen persönlichen Bezug zum Silvesterchlausen hat, kann mit einer Figur diesen besonderen Brauch das ganze Jahr über ein Stück weit bei sich behalten.

Gibst Du Dein Wissen an andere weiter oder bildest Du Nachwuchs aus?
Ja, ich biete Workshops für Kinder und Erwachsene an. Es macht mir grosse Freude, mein Wissen weiterzugeben und gemeinsam kreativ zu sein. Die Kurse machen nicht nur den Teilnehmenden Spass, sondern auch mir selbst. Weitere Informationen dazu findet man auf 9107.ch.

Welchen Rat würdest Du Menschen geben, die einen ähnlichen Weg einschlagen möchten?
Wenn man etwas findet, das einem wirklich Freude macht – sei es Basteln, Malen, Schnitzen oder etwas ganz anderes –, dann sollte man einfach damit beginnen und dranbleiben. Oft entstehen die schönsten Dinge aus einer kleinen Idee. Inspiration und Unterstützung findet man zum Beispiel auch bei 9107.ch.

Gibt es ein Motto oder eine Lebensweisheit, die Dich begleitet?
«I mach, solang i no mag.»
Dieses Motto begleitet mich schon lange. Solange mir etwas Freude bereitet und ich es mit Herzblut machen kann, bleibe ich dabei.

Was möchtest Du unseren Leserinnen und Lesern gerne mit auf den Weg geben?
Bewahren wir die Freude am Echten. Traditionelles Handwerk verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die Hände der Menschen, die ihr Wissen und ihre Leidenschaft weitergeben. Wer mit offenen Augen hinsieht, entdeckt in jedem handgefertigten Werk nicht nur ein Produkt, sondern auch eine Geschichte, viel Herzblut und ein Stück gelebte Kultur.